Coronavirus und die Psyche – Erklärungen und Tipps

Coronavirus und die Psyche – Erklärungen und Tipps

Die Coronakrise mit all ihren Konsequenzen ist für viele Personen eine unglaubliche psychische Belastung. Allein und eingeschränkt zu sein weckt oftmals Ängste und führt zu unangenehmen Symptomen. Es überrascht nicht, dass Depressionen und Panikattacken nun wieder verstärkt auftreten, ebenso ist das Risiko für Psychosen zurzeit erhöht. Was das Coronavirus mit der Psyche der Menschen macht und was man tun kann, um den Symptomen vorzubeugen, habe ich hier für dich zusammengetragen.

Die Coronakrise als psychische Belastung

Ja, es ist leicht gesagt: wir müssen einfach nur zuhause bleiben. Stimmt. Doch diese Situation ist trotzdem für viele unglaublich herausfordernd. Während einige mit den Ausgangsbeschränkungen sehr gut zurecht kommen, schlittern andere in eine psychische Krise.

Ich habe das große Glück, weiterhin arbeiten zu können. Dabei sehe ich aber, wie einige Menschen unter den aktuellen Bedingungen leiden. Auch in Gesprächen mit FachkollegInnen nehme ich eine Verschärfung der Situation wahr. Das hat natürlich verschiedene Ursachen.

Warum geht es vielen Menschen schlecht?

Aber warum genau belastet das Daheimbleiben so viele Menschen? Weil es viel mehr ist als das. Mit den Maßnahmen der Staaten oder Länder gegen das Coronavirus hängen ganz viele andere Sachen zusammen, die zur Destabilisierung beitragen. Das sind unter anderem:

  • Wegfall von Struktur: wenn die tägliche Struktur weg fällt, gerät unsere Welt schnell mal aus den Fugen. Nicht umsonst ist eine tagesstrukturierende Maßnahme eines des wirksamsten Mittel für psychisch kranke Menschen, um stabil zu bleiben. Da geht es Gesunden oft nicht anders. Wenn man plötzlich nicht mehr zur Arbeit kann und sich der Tagesablauf stark vom Normalzustand unterscheidet, birgt es das Potential für psychische Probleme
  • Reduzierung der Sozialkontakte: Wir Menschen sind soziale Wesen. Noch nie war das so schmerzhaft präsent wie jetzt, wo Distanz zueinander das Gebot der Stunde ist. Isolation von anderen widerspricht dem, was wir Psychologen sonst immer predigen: aktivieren des Netzwerks. Nichts ist heilsamer, als mit Menschen, die man mag, zusammen zu sein. Nun bricht das aber weg. Dabei ist aber körperliche Nähe so wichtig für unser Wohlbefinden.
  • Gefühl des Eingesperrtseins: Zuhause ausharren zu müssen hat etwas von eingesperrt sein. Auch wenn man prinzipiell für einige Besorgungen und Wege raus darf, so heißt es doch ständig, man soll in den eigenen vier Wänden bleiben. Selbst wenn wir wissen, dass das sinnvoll ist, bedrückt es ungemein, nicht frei zu sein. Und dass dieser Zustand psychisch extrem belastend ist, weiß man unter anderem aus der Gefängnisforschung.
  • Angst vor der Erkrankung: Ein weiterer wichtiger Grund, warum Menschen zurzeit oft mit Symptomen zu kämpfen haben ist, dass sie unglaubliche Angst vor einer Erkrankung mit Covid-19 haben. Besonders wenn sie einer Risikogruppe angehören, ist die Angst, den Virus zu kriegen und daran zu sterben, oft omnipräsent. Angst verstärkt leider viele psychische und körperliche Probleme noch weiter, sodass ein Angstkreisel entsteht.
  • Retraumatisierung: Man darf auch nicht vergessen, dass die Situation, wie sie jetzt ist, viele Menschen retraumatisiert. Das heißt, einstige schmerzliche Ereignisse werden wieder aktualisiert, was zur Folge hat, dass man sich so fühlt, als wäre man noch in der damaligen belastenden Situation. Vor allem kriegstraumatisierte Menschen verspüren gerade einen enormen Leidensdruck, aber auch andere Retraumatisierungen sind möglich, etwa wenn man schon einmal gewaltsam zuhause festgehalten wurde.
  • Überforderung: Homeoffice, Homeschooling, Besorgungen und Freizeitbetreuung gleichzeitig zu managen, macht es vielen Eltern gerade nicht leicht. Von besagter „Entschleunigung“ merken viele nichts, im Gegenteil. Sie müssen sich um so viel gleichzeitig kümmern, dass sie unter dauerhafter Überforderung stehen. Aber auch Personen, die gerade die Pflege der Angehörigen selbst erledigen müssen, weil die ausländischen Hilfskräfte weggebrochen sind, stehen gerade massiv unter Druck.
  • Sorgen um andere: Auch wenn das eigene Leben vielleicht gar nicht so sehr aus den Fugen gerät, so ist es doch oft die Sorge um andere, die zur Belastung wird. Ich spüre das selbst an mir: obwohl ich arbeiten gehen kann, alles zuhause habe was ich brauche und gesund bin, so bedrückt mich die Situation dennoch. Einfach, weil ich mir Sorgen um meine KlientInnen mache, aber auch um meine KollegInnen oder um liebgewonnene Geschäfte, die nun vor dem Nichts stehen.

 

Italien einsam
Wann man wieder dort Platz nehmen darf, ist ungewiss

Risikofaktoren für psychische Destabilisierung in der Coronakrise

Nun sitzt du vielleicht daheim am Sofa und denkst dir: also so schlimm ist das Ganze echt nicht. Die Leute sollen sich einfach mal zurücklehnen, das geht schon alles vorbei und dann ist alles gut. Wenn du zu denen gehörst, die das sagen können: du bist privilegiert! Wirklich. Es gibt nämlich ganz viele Menschen da draußen, die ganz besonders unter den oben genannten Faktoren leiden, weil sie noch zusätzliche Risikofaktoren aufweisen. Zum Beispiel jene:

  • Psychische Erkrankung: sehr viele Menschen leider unter psychischen Erkrankungen -- allein in Österreich erkrankt im Laufe des Jahres jeder Fünfte (Quelle). Die Palette der Störungen selbst ist breit: Depression, Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung, Schizophrenie oder eine Persönlichkeitsstörung etwa gehören dazu. Viele haben aber auch mit einer Entwicklungsstörung wie Autismus oder einer geistigen Behinderung zu kämpfen. Diese Menschen kommen mit der Situation viel schlechter zurecht, in vielen Fällen treten Symptome wieder verstärkt auf
  • Aggressivität: Stell dir mal vor, du wirst jetzt gebeten, vier Wochen zuhause zu bleiben – mit einem Partner, der dir gegenüber aggressiv ist! Eine Horrorvorstellung? Zurecht. Für viele ist das bittere Realität. Während das „normale“ Leben Zeit für Rückzug vom Partner und Selbstwirksamkeit in anderen Bereichen bietet, ist man nun der Gewalt dauerhaft ausgesetzt. Und leider steigt auch unter den aktuellen Bedingungen die Gewaltbereitschaft, es ist also eine doppelt beschissene Situation (sorry, aber da kann man nichts schönreden!).
  • Beschränkter Wohnraum: Wie schon in der Wochenzeitung Falter angemerkt, ist das „Sollen sie doch in den Garten gehen“ das neue „Sollen sie doch Kuchen essen“ -- nämlich eine Farce! Nicht jeder hat einen Garten, viele nicht mal einen Balkon zur Verfügung (25% der Wohnungen in Österreich sind laut Statistik Austria ohne Balkon). Oft leben Familien sehr beengt in Wohnungen zusammen. Dort soll nun das ganze Leben stattfinden? Dass es hierbei nicht nur zu Streit, sondern auch zu psychischen Problemen kommen kann, wundert nicht.
  • Wenig materielle Ressourcen: Egal ob es um den fehlenden Drucker für die Schulaufgaben, den fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten zuhause oder das fehlende hochwertige Essen für die Kinder ist – Menschen, die nicht viel haben, haben es grad besonders schwer. Zu sehen, wie andere Hamsterkäufe tätigen, während man selbst nur minimal für die nächsten Tage einkaufen kann, trägt auch nicht unbedingt zur Selbstwertstärkung bei.
  • Jobverlust: Diese Krise trifft viele. Und viele verlieren dabei ihren Job. Auch wenn die Chefs vielleicht sagen, dass sie nach der Krise wieder eingestellt werden, so bleibt doch viel Unsicherheit. Wird das wirklich so sein? Kann ich mit dem Arbeitslosengeld meine Kosten noch decken? Was tue ich jetzt ganzen Tag daheim? Jobverlust zählt nicht umsonst zu den prekärsten Lebenskrisen, denn daran hängt viel Angst und Ungewissheit, die oftmals zu psychischen Problemen führen. Noch mehr verschärft sich das Ganze bei Selbstständigen: jetzt alles zu verlieren, was man sich hart aufgebaut hat, ist eine Katastrophe!
  • Fürsorgepflichten: Wer Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu Hause hat, ist vermehrt gefährdet, an Überforderung zu leiden. Und zwar nicht, weil man nicht weiß, was man mit seinen Kindern anfangen soll, sondern weil sich die Fürsorgepflichten oftmals nur schwer mit Homeoffice und sonstigen Notwendigkeiten vereinbaren lassen. Vor allem dann, wenn die Kinder durch einen mangelnden Garten nicht raus können und unrund sind. Dass Pflege ein Knochenjob ist, muss nicht erwähnt werden. Da jetzt viele ausländische 24-Stunden Betreuerinnen wegfallen, muss dass von Angehörigen abgedeckt werden – und die müssen vielleicht auch selbst arbeiten oder sich noch um die Kinder kümmern.
  • Unterbrechung der Betreuung / Therapie: Vielen psychisch kranken Menschen bricht gerade jetzt eine wichtige Stütze weg – ihre psychosoziale Hilfe. Einige TherapeutInnen haben ihre Praxis geschlossen, SozialarbeiterInnen arbeiten nur sehr eingeschränkt und die tagesstrukturierende Maßnahme hat zu. Das bedeutet für viele Menschen, dass sie ausgerechnet in der Krise auf sich alleine gestellt sind.

12 Tipps zur Stabilisierung während Corona

Doch was genau kann man nun unternehmen, um die eigenen psychische Gesundheit zu fördern oder die Erkrankung nicht zu verschlimmern? Besonders wenn man oben genannte Risikofaktoren aufweist, muss man in den nächsten Tagen und Wochen gut auf sich Acht geben. Ich habe 12 Tipps zur psychischen Hilfe für dich selbst zusammen getragen.

Sozialkontakte aufrechterhalten

Es ist eines meiner wichtigsten Credos in dieser bescheidenen Situation: halte deine sozialen Kontakte aufrecht! Wie oben schon gesagt, stehen und fallen wir Menschen mit dem Kontakt zu anderen – die einen brauchen mehr, die anderen weniger, schon klar. Aber niemand kann gänzlich ohne.

Telefonieren und Videochatten ist dabei natürlich eine Möglichkeit, mit Freunden oder der Familie in Verbindung zu bleiben. Ich merke es selbst an mir: dadurch, dass mir die Treffen mit anderen Menschen so fehlen, telefoniere ich jetzt viel öfter. Es tut gut, sich zumindest zu hören.

Bevor jemand aber sehr leidet, weil er ganz alleine ist, rate ich: triff jemanden! Ehrlich. Es heißt, wir sollen unsere Sozialkontakte reduzieren (was auch Sinn macht), aber nicht komplett kappen. Wenn es ein, zwei total wichtige Menschen für dich gibt, die dich jetzt stabilisieren können, dann trefft euch bei dir zu Hause. Man muss ja nicht unbedingt kuscheln, sitzen und reden reicht schon. Nichts auf dieser Welt gibt mehr Sicherheit als Menschen, die man mag.

Bewegung drinnen und draußen

Zum Glück haben wir nur eine Ausgangsbeschränkung und keine Ausgangssperre. Das heißt, du darfst dich alleine oder mit Personen deines Haushalts draußen bewegen. Natürlich solltest du von riskanten Bergtouren absehen, um im Falle eines Unfalls keine Ressourcen zu binden, aber es spricht nichts gegen einen ausgiebigen Spaziergang. Oder eine gemütliche Radtour.

Bewegung hat eine unglaubliche Wirkung auf unser Wohlbefinden. Nicht umsonst stehen in jeder stationären Behandlung von psychischen Erkrankungen Bewegungseinheiten am Plan. Für unseren Hormoncocktail im Gehirn ist Bewegung unablässig. Das hat dann positive Auswirkungen auf die Stimmung, aber auch auf kognitive Leistung und Schnelligkeit.

Zusätzlich zu der Bewegung draußen kannst du drinnen auch noch etwas für dich tun. Es gibt unzählige tolle YouTube-Tutorials zu Yoga, Gymnastik, Pilates oder Krafttraining. Matte ausrollen, Video anschalten und los geht’s! Auch das hält fit und beweglich und ist gut für unsere Psyche.

Ich persönlich mag den YouTube Kanal von Mady Morrison unglaublich gerne. Probier es aus:

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Den Tag strukturieren

Struktur, Struktur, Struktur. Das ist das, was wir im stationären Setting psychisch kranken Menschen bieten. Nicht umsonst: Struktur schafft Sicherheit, Vertrauen, Vorhersagbarkeit, und es beugt Überforderung und Langeweile vor.

Daher ist es absolut sinnvoll, wenn du dir deinen Tag selbst strukturierst. Verschriftliche einen Plan. Wenn du weniger Struktur brauchst, kannst du einen Wochenplan erstellen, wirksamer sind jedoch Tagespläne. Da packst du alles drauf, was heute geschehen soll, vom Frühstück bis zum Abendessen. Du kannst dir das wie einen Stundenplan vorstellen, an dem du dich entlang hantelst.

Durch diese Liste hast du zwei Effekte: du kannst alles erreichte abhaken, was Erfolgserlebnisse schafft und positiv auf die Stimmung wirkt, und du lässt dich nicht einfach so in den Tag hinein treiben. Natürlich gehört eine Portion Selbstmotivation dazu, die Struktur wirklich einzuhalten. Je schlechter es dir psychisch geht, umso kürzer darf die Liste sein, damit du dich nicht selbst überforderst. Aber umso wichtiger ist sie auch!

Wochenplan für Corona
Mein Wochenplan

Anderen etwas Gutes tun

Was uns Menschen unheimlich tolle Glücksgefühle beschert: etwas Gutes für andere tun. Andere glücklich zu sehen, aktiviert unsere eigenen emotionalen Zentren, die dann dafür sorgen, dass wir positiv gestimmt sind. Böse Zungen behaupten ja, dass Altruismus nichts anderes ist als purer Egoismus – man hilft anderen, weil es einen selber glücklich macht. Egal, der Zweck heiligt die Mittel 😉 .

Um dich selbst nicht hilflos und wertlos zu fühlen, kannst du also deinen Selbstwert durch Hilfe für andere steigern. Du gehörst nicht zur Risikogruppe? Dann biete an, für andere einkaufen zu gehen. Du kannst nähen? Viele Firmen fragen gerade händeringend nach Mundmasken (in dieser Facebook-Gruppe zum Beispiel). Du kannst Gitarre spielen? Dann mach deinen Nachbarn eine Freude und spiele für sie. Irgend eine Möglichkeit zu helfen oder jemand anderem eine Freude zu machen, findet sich immer. Und wenn´s nur eine Postkarte an das Altersheim ist.

Masken nähen während Coronavirus
Mund-Nasen-Masken nähen für andere: eine erfüllende Aufgabe!

Produktiv sein

Egal ob Backen, Figuren schnitzen oder Tomatenpflanzen ziehen – wenn du etwas tust, wobei ein sichtbares Ergebnis entsteht, so fördert das deine psychische Stabilität. Warum? Sobald deine Handlungen in einem erfolgreichen Resultat enden, springt unser Belohnungssystem an. Etwas zu schaffen – vorausgesetzt natürlich, man will das schaffen – macht uns zufriedener, glücklicher und stärkt unseren Selbstwert.

Dabei geht es aber auch um den Erhalt der eigenen Handlungsfähigkeit. Aus zahlreichen Traumastudien ist bekannt, dass das Gefühl der Hilflosigkeit und des Kontrollverlusts für uns Menschen am schlimmsten ist, weil wir dann nicht mehr handlungsfähig sind. Deshalb stabilisieren wir in der Krisenintervention zum Beispiel Leute damit, indem wir sie etwas tun lassen: uns ein Glas Wasser bringen oder jemanden anrufen. Es klingt zwar banal, aber solange wir etwas Sinnvolles tun können, haben wir nicht so sehr das Gefühl, dass uns die Welt entgleitet.

Kuchen backen als Strategie gegen Lagerkoller
Backe, Backe Kuchen: das tröstet über vieles hinweg und macht Spaß

Musik hören oder machen

Ich könnte jetzt unzählige Studien hier anführen, die die Auswirkungen von Musik auf die Psyche belegen. Denn es ist wirklich umfassend untersucht und belegt, dass der Klang von Musik uns selbst in Gleichklang bringt. Musik kann uns beruhigen, uns anregen oder uns einfach nur das Gefühl von „Ich verstehe dich“ geben. Ich sage so etwas nur selten, aber hier passt es einfach: Musik ist ein wahres Wundermittel.

Du kannst also beim Kochen einfach mal deine Lieblingslieder einschalten und laut mitsingen. Dein Klavier wieder aktivieren und täglich eine halbe Stunde spielen. Mit dem Partner oder allein durch die Wohnung tanzen. Ganz egal was – aber lass Musik teil deines Alltags sein!

Abschalten und pausieren

Wer produktiv ist und am Tag viel zu erledigen hat, darf, soll und muss auch mal abschalten. Unser Körper ist ständig auf der Suche nach Gleichgewicht. Weder ein zu hohes Aktivierungsniveau noch dauerhafte Ruhe machen ihn glücklich. Erhalte dir also ein gesundes Auf- und Ab wie bei Meereswellen und lege nach Aktivitäten auch Pausen ein.

Besonders für Menschen, deren Alltag nun außerordentlich stressig ist (Eltern mit schulpflichtigen Kindern zum Beispiel oder auch Systemerhalter) sind solche Verschnaufpausen wichtig. Ein schönes Bad am Abend, eine halbe Stunde Lesen, ein bisschen Meditation oder auch einfach nur ein wenig am Fenster sitzen: nimm dir Zeit zum Runterkommen. Diese Ruhezeit kannst du auch ganz bewusst in deinen Tagesplan einkalkulieren.

Gesunde Ernährung und Genuss

Dass gesunde Ernährung wichtig ist, ist wohl nichts Neues. Speziell aber in Zeiten wie diesen, in denen wir stark unter psychischem Stress stehen und uns wenig bewegen ist hochwertiges Essen notwendig. Denn Körper und Psyche sind nicht zwei Teile, sondern nur zwei Kanäle im selben System. Tun wir dem Körper etwas Gutes, freut sich auch unsere Seele – und umgekehrt natürlich. Um Wohlbefinden zu steigern sollte man sich also hochwertig und ausgewogen ernähren.

Das heißt aber nicht, dass man jetzt nur mehr Karotten knabbern soll. Es darf und muss schon auch schmecken 😉 . Genussvoll essen ist eine der höchsten Formen der Selbstfürsorge. Also kauf bewusst das ein, was dir schmeckt und auch ein bisschen gesund ist, koch dir etwas mit Leidenschaft und iss dann, als wäre es ein Festmahl. Nimm dir dafür auch genug Zeit. Ein gutes Glas Wein dazu darf natürlich auch sein! Und wenn du ein Kochmuffel bist: bestell dir etwas Gutes!

Obst und Gemüse vom Bauernmarkt
Gesund und genussvoll Essen mit den Produkten vom Bauern

Sich täglich Spaß gönnen

Auch wenn es einem in diesen Zeiten wie eine Farce erscheint: aber Lachen ist und bleibt wichtig. Beim Lachen versetzen wir unseren Körper in einen Zustand der Leichtigkeit und des Glücks. Es gibt viele Studien darüber, wie sehr Lachen unser Wohlbefinden fördert. Und das sogar, wenn das Lachen künstlich herbeigerufen ist (wie zum Beispiel beim Lachyoga oder bei Mimikübungen).

Wenn es aber wegen den Bedrohungen draußen und dem Stress drinnen nicht viel zu Lachen gibt, so findet sich in irgendeiner halben Stunde des Tages vielleicht ja doch Zeit für Spaß. Ich zum Beispiel stehe irrsinnig auf Kabaretts. Seit der Coronakrise schaue ich mir täglich am Abend kurze Sequenzen von meinen Lieblingskabarettisten auf Youtube oder in den sozialen Medien an. Oder man macht täglich mit seinen Kids eine „verrückte halbe Stunde“, in der man scherzt und Blödsinn macht. Auch Komödien im Fernsehen können den Spaßfaktor zuhause heben.

20191213 Kabarettgipfel Alex Kristan Glueck

Akzeptanz der Gefühle

Wenn man sich trotz allem mies und niedergeschlagen fühlt und man seinen Frust einfach nur mehr raus schreien möchte, dann ist das ok so. Wirklich. Das sind seltsame Zeiten gerade. Alles ist anders, der Alltag möglicherweise extrem belastend. Da darf man sich kacke fühlen. Man darf den Kopf für einige Zeit in den Sand stecken. Man darf auch mal weinen und dem Ärger Luft machen (bitte ohne anderen weh zu tun!). Eltern dürfen verzweifelt sein, Singles sich einsam fühlen und alte Menschen Angst haben. Das ist gerade absolut verständlich.

Es bringt relativ wenig, gegen seine Gefühle anzukämpfen. Wer voller Verzweiflung schon mal geheult hat, weiß, wie befreiend das sein kann. Angesichts der jetzigen Situation mit Corona sind emotionale Ausnahmezustände auch absolut normal. Und genau dieses Normalisierungsprinzip kannst du auch bei dir selbst anwenden. Wenn es dir schlecht geht, akzeptiere, dass es jetzt mal so ist. Niemand hat behauptet, dass du diese ganzen Maßnahmen lächelnd hinnehmen musst. Sie sind einschränkend und dürfen dich auch belasten.

PS: Mir persönlich sind ja Menschen, die die ganzen Eingriffe in unsere Freiheiten total super und überhaupt nicht belastend finden, viel mehr suspekt als die, die verzweifelt sind!

Änderung des Fokus und Medienkonsums

In den Nachrichten und auf Social Media tummeln sich ja alle möglichen Informationen zur Pandemie. Viele davon sind interessant, manche schräg, einige auch falsch. Die Flut an „Fakten“ ist zurzeit ganz schön erdrückend. Wer jeden Tag nur die Zahlen der Gesamtinfektionen sieht, kriegt viel eher das Gefühl, Angst haben zu müssen als jemand, der sich die Verdoppelungsraten anschaut, die sich zum Glück verlangsamen.

Es hilft, sich die Zahlen mal von einer anderen Warte aus anzusehen: nicht wieviel Prozent erkranken, sondern wie viele nicht erkranken! Oder wie hoch ist die Überlebensrate bei über 70jährigen? Selbst wenn 6% der 60-70jährigen am Coronavirus sterben, so heißt das im Umkehrschluss doch, dass 94% die Erkrankung überleben!

Außerdem ist es förderlich, sich all das vor Augen zu halten, was durch diese Krise entstanden ist: eine Welle an Hilfsbereitsschaft. Ich habe Tage, an denen versuche ich, alle negative Meldungen da draußen (vor allem auf Social Media) auszublenden und lese nur die positiven: von Leuten, die andere versorgen oder von geheilten 100jährigen. Das heißt nicht, dass ich die Probleme rund um Corona negiere, aber es tut der Seele gut, sie nicht immer nur mit tragischen Nachrichten zu füttern. Diese lese ich dann, wenn´s mir etwas besser geht und ich sie gut verarbeiten kann.

Sich Hilfe suchen

Mein letzter Tipp für die Psyche in Zeiten von Corona (und auch abseits davon) ist, sich unbedingt professionelle Hilfe zu holen, wenn es zu belastend wird! Niemand muss das alleine durchstehen, schon gar nicht wenn man es sowieso schon schwer hat im Leben. Es ist absolut verständlich, dass es Menschen jetzt schlecht geht, und genauso selbstverständlich hören psychosoziale Fachkräfte ihnen zu und unterstützen so gut sie können.

Zum Glück gibt es mittlerweile sehr viele telefonische Hilfsangebote und Online-Beratungen. Das ersetzt zwar keine 1-zu-1 Therapie, aber es ist eine gute Möglichkeit, sich ein wenig zu entlasten. Nachfolgend habe ich dir ein paar Adressen für psychologische Erste Hilfe für Österreich, Deutschland und die Schweiz zusammen gestellt.

Telefonnummern für psychologische Hilfe

Österreich

  • Der Berufsverband österreichischer PsychologInnen (BÖP) 01 504 8000
  • Telefonseelsorge 142
  • Rat auf Draht (Für Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen) 147
  • Ö3 Kummernummer 116 123
  • Corona-Sorgen-Hotline des Landes Tirol: 0800 400 120
  • Frauenhelpline gegen Gewalt 0800 222 555
  • Traumahilfe Österreich 01 413 00 44

Deutschland

  • Telefonseelsorge 0800 111 0 111
  • Infotelefon Depression 0800 33 44 533
  • Berufsverband Deutscher Psychologen – Corona Hotline 0800 777 22 44
  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen 0800 0116016
  • Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon 116111 und Elterntelefon 0800 1110550

Schweiz

  • Dargebotene Hand 143
  • Pro mente Sana Telefonberatung 0848 800 858

Corona und die Psyche: Verstehen und Vorbeugen

Ich hoffe, ich konnte dir ein paar Tipps und Anregungen dazu geben, wie du psychischen Problemen während der Ausgangsbeschränkung vorbeugst. Nichts muss, manches kann aber helfen, dass man diese Situation leichter durchsteht. Dazu habe ich all jene Hinweise zusammen gefasst, die zurzeit von Fachkräften als sinnvoll erachtet werden. Ich wende diese Punkte auch bei mir selbst und in der Arbeit mit meinen psychisch kranken KlientInnen an – sie sind somit psychologenerprobt 🙂 .

Mir ist der Erhalt der psychischen Gesundheit in Zeiten wie diesen unglaublich wichtig. Das heißt nicht, dass ich nicht auch die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus notwendig finde. Wir können uns keine Überforderung des Gesundheitssystems leisten, da es sonst (wie in Italien oder Spanien) viele Tote gibt – und damit wieder viel psychisches Leid.

Allerdings wird in der öffentlichen Situation der Punkt der psychischen Gesundheit meist vergessen. Es braucht ein sehr sensibles Vorgehen von der Politik, die auch diesen Faktor miteinkalkuliert. Das Land in einen wirtschaftlichen und psychosozialen Notstand zu bringen, kann ebenso viele Leben kosten wie der Virus. Wir haben pro Jahr ohnehin ca. 1200 Suizide zu betrauern – ich möchte nicht, dass es mehr werden.

Aus diesem Grund ist es mir ein Anliegen, auf die psychischen Probleme während des Lockdowns hinzuweisen, die für mich durch meine Arbeit zwar sehr offensichtlich sind, für viele aber gut versteckt bleiben. Weil eben kaum jemand drüber redet. Das will ich ändern. Reden wir also drüber!

PS: Sätze wie „Anderen geht es noch viel schlechter“, „Deine Oma hat im Krieg viel mehr mitgemacht“ oder „Jetzt reiß dich halt einmal zwei Wochen zusammen“ haben noch nie jemandem in irgendeiner Weise geholfen und werden es in Zukunft auch nicht tun. Daher bitte ich all jene, die stabil sind und es nicht nachvollziehen können, wie belastend die Situation gerade für einige ist, solche Sprüche zu unterlassen. Danke.

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Coronavirus und die Psyche - Erklärungen und Tipps


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11 Kommentare zu “Coronavirus und die Psyche – Erklärungen und Tipps”

  • Und wieder spaltet sich die Gesellschaft in zwei Gruppen: Die eine, die aus diversen Gründen unter der Situation leidet.
    Und die andere, die sich aufpisst, man soll sich halt mal „zusammenreißen“

    Psychische Krankheiten und Probleme werden leider immer noch total heruntergespielt. Was man nicht sehen kann, ist auch nicht da.
    Die Empathielosigkeit, die jetzt rumgeht, find ich noch schlimmer. Alle sehen so viel Gutes, so viel Zusammenhalt – aber nur, wenn es um Covid19 geht. Wenn es um andere Krankheiten geht („Wie kannst du es wagen, dir jetzt den Knöchel zu verstauchen und unsere wertvollen Kapazitäten im Gesundheitswesen zu binden“) oder gar um psychische Probleme („So schlimm ist das jetzt auch nicht. sei froh, dass du daheim bleiben kannst!“), ist der Zusammenhalt völlig vorbei.

    • Ja, so empfinde ich es auch. Das „sollen sie sich halt zusammenreißen“ ist das „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ für Erwachsene.

  • Hallo Barbara,
    danke für diesen sehr hilfreichen Blogpost. Ich bin ein Mensch, der sehr freiheitlsliebend und sehr gesellig ist und finde die Einschränkungen meiner Bewegungsfreiheit und Sozialkontakte daher sehr belastend. In Bayern sind die Regeln ja besonders streng, hier darf ich nicht einmal mit einer Freundin oder mit meiner ältesten Tochter spazierengehen, da sie nicht mehr in meinem Haushalt lebt. Am meisten stresst mich aber die Überwachungskultur, die sich hier etabliert: Sonntags bei schönem Wetter fährt die Polizei Nebenstraßen und Feldwege ab, um unerlaubte Gruppenbildungen von Spaziergängern zu entdecken. Anwohner rufen die Polizei, wenn ein paar Jugendliche draußen sind. Tochter Nummer 2 wohnt in Regensburg; bei einer Kommilitonin von ihr war schon zweimal die Polizei da, weil die Nachbarn sie alarmiert hatten, dass da mehrere Leute gemeinsam auf dem Balkon seien. Es handelt sich um eine 5er-WG. Das sind gesellschaftliche Entwicklungen, vor denen mir graut …

    • Ich bin da ganz bei dir: die Ausgangsbeschränkungen alleine sind oftmals schon belastend. Wenn dann noch Anfeindungen dazu kommen, wird es sehr unangenehm. LG und alles Gute!

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