Das Reiseverhalten der Babyboomer – Reisepsychologie einer Generation
Der Begriff “Babyboomer” ist seit einigen Jahren sehr präsent. Die Generation, die derzeit am Ende des Arbeitslebens steht oder es bereits verlassen hat, ist für die Tourismusforschung eine spannende Zielgruppe. Denn man fragt sich zurecht: Wie reisen die Menschen, die zusätzlich zu Reiseerfahrung und Abenteuerlust nun auch Zeit und Geld haben? Ein Artikel über das Reiseverhalten der Babyboomer.
Der Grund, warum ich mich mit der Frage “Wie reisen Babyboomer?” beschäftigt habe, war ein Interview für den Podcast „Babyboomer zwischen Arbeit und Rente„. Wie immer, wenn ich zu einem bestimmten Aspekt der Reisepsychologie befragt werde, bereite ich mich bestmöglich darauf vor. Da ich für dieses Interview so unglaublich viele spannende Ergebnisse gefunden habe, beschloss ich kurzerhand: Die sollten zusammengefasst raus in die Welt. Somit ist hier der Artikel zu einem Thema, über das ich ohne diese Anfrage vermutlich nie geschrieben hätte: Das Reiseverhalten der Babyboomer.
Wer sind die Babyboomer?
Als Babyboomer bezeichnet man eine Generation, die – grob gesagt – zwischen Ende der 1940er und Mitte der 60er geboren wurde. Der Name stammt vom englischen Begriff „baby boom“, was „Geburtenüberschuss“ bedeutet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in vielen westlichen Ländern, insbesondere in den USA, zu einem starken Anstieg der Geburtenrate – einem regelrechten „Boom“ von Babys. Auch in Deutschland und Österreich setzte dieser Trend ein, allerdings etwas später – deshalb spricht man hier erst ab Geburtsjahr 1955 von den Babyboomern. Diese Generation wuchs in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und gesellschaftlicher Veränderungen auf.
Babyboomer als Reisende
Mit dem demografischen Wandel wächst der Anteil älterer Reisender weltweit. Babyboomer sind im Vergleich zu älteren Generationen im Durchschnitt gesünder, wohlhabender, besser gebildet und haben einen größeren Wunsch nach neuen Erfahrungen und Authentizität. Die Babyboomer haben das Bild des „Seniorenreisenden“ verändert – weg vom passiven Konsumenten hin zum aktiven, erlebnissuchenden Reisenden.
In Zielgruppenstudien fiel auf, dass Babyboomer
- sich subjektiv jünger fühlen als sie sind (im Schnitt 7-15 Jahre)
- technikaffin sind – immer mehr nutzen Internet bzw. soziale Netzwerke, um Reisen zu planen
- trotz etwaigen gesundheitlichen Einschränkungen reiselustig bleiben
- häufig als Paar oder alleine reisen – besonders alleinreisende Frauen sind eine wachsende Zielgruppe
- eine konsumbewusste und aktive Lebensart aufweisen
Diversität innerhalb der Gruppe
Als ich mir die vielen Studien über das Reiseverhalten der Babyboomer angeschaut habe, wurde schnell eines klar: Es handelt sich hierbei – wie immer, wenn wir über Menschengruppen reden – um eine recht heterogene Gruppe. Daher findet man teilweise auch widersprüchliche Ergebnisse, wenn es um die Reisevorlieben dieser Generation geht. Ich versuche, bestmöglich auf die gefundenen Gemeinsamkeiten, aber auch Widersprüche einzugehen (die oftmals auch geografisch bedingt sind).
Eine australische Studie hat Babyboomer als eine kaufkräftige Zielgruppe mit hohem Bildungsniveau und Einkommen herausgestrichen. Man hat aber auch drei unterschiedliche Arten von reiseaffinen Babyboomern gefunden:
- Socially Aware (Sozial Engagierte): Hoch gebildet und wohlhabend, sehr erlebnisorientiert, suchen neue und bereichernde Erfahrungen, sind jedoch wert- und sicherheitsbewusst.
- Visible Achievement (Wahrnehmbarer Erfolg): Erfolgreich, karriereorientiert, reisen gern mit anderen aus Prestigegründen, genießen Luxusreisen, betonen Status und Image.
- Something Better (Aufstrebende): Jüngere Paare mit Ambitionen, suchen Selbstverbesserung und persönliche Herausforderungen im Urlaub, legen Wert auf Selbstverwirklichung und neue Erfahrungen.
Um Babyboomer also gezielt anzusprechen, müssen Reiseangebote und Marketingstrategien auf segmenttypische Werte, Motive und Bedürfnisse zugeschnitten werden. Für die „Sozial engagierten“ sind zum Beispiel Lern- und Erlebnisreisen am attraktivsten, während die „Visible Achievement“-Gruppe für exklusive Gruppenerlebnisse und Prestigereisen empfänglich ist. Die Gruppe der Aufstrebenden bevorzugt Abenteuerreisen und Angebote zur Selbstverwirklichung.
Unterschiede im Reiseverhalten im Vergleich zu anderen Generationen
Babyboomer sind eher bereit, mehr Geld für Freizeitaktivitäten auszugeben. Laut einer deutschen Umfrage würden 53% der Babyboomer lieber Geld für eine Reise ihres Lebens ausgeben, als es ihren Kindern als Erbe zu hinterlassen – im Vergleich zu 45% in der Gesamtstichprobe.
Einige Studien haben sich den Unterschied zwischen der vorangegangenen Generation (Senioren, Silent Generation) und den Babyboomern angesehen und sind dabei zu folgenden Ergebnissen gekommen:
- Senioren bevorzugen häufiger Gruppenreisen oder Pauschalangebote, Kultur- und Geschichtstourismus, Glücksspiel, Genuss mit gutem Essen und Wein. Die Silent Generation ist konservativer und sicherheitsorientierter
- Babyboomer zeigen sich eher bereit, flexibel und spontan zu reisen, bevorzugen Abenteuer und Aufregung, Intimität und Romantik sowie auch Qualitätserlebnisse mit der Familie. Die Babyboomer gelten als offener und stärker an Selbstverwirklichung orientiert.
- Keinen Unterschied fand man in Bezug auf die Motive, Erholung, Entspannung und Regeneration zu suchen, Freunde und/oder Verwandte zu besuchen. Auch zeigte sich generationenübergreifend: Wer oft international reist, neigt auch zu häufigeren Inlandsreisen.
Eine Studie hat auch zwei Generationen von Sporttouristen untersucht: Millennials (geboren zwischen Anfang der 80er bis Mitte/Ende der 90er Jahre) wie auch Babyboomer. Keinen Unterschied fand man bei der Häufigkeit der Reisen, die 1-4 Mal pro Jahr stattfinden, der Organisation (selbst- vs. fremdorganisiert) oder dem Fitnesslevel. Auch präferieren beide Gruppen hobbybasierte Sportreisen gegenüber wettkampforientierten Reisen.
Allerdings zeigte sich, dass Millennials, die aus sportlichen Gründen reisen, im Großteil weiblich und hoch gebildet sowie stärker durch “Thrill & Sensation”, Herausforderungen und Abwechslung motiviert sind. Bei den Babyboomern hingegen sind Sporttouristen eher männlich, verheiratet und angetrieben durch Gesundheitsaspekte.
Insgesamt zeigen die Studien, dass sich das Reiseverhalten bzw. die Reisemotive zwischen den Generationen durchaus unterscheiden. Was ebenfalls auffällt: Mit zunehmendem Alter nimmt die Anzahl der unternommenen Reisen und die zurückgelegte Distanz kontinuierlich ab. Je älter jemand ist, desto kürzer sind zurückgelegte Distanzen.
Reisemotivation der Babyboomer
Neben der Frage, WIE jemand reist, schaut man sich in der Reisepsychologie auch an, WARUM es jemand tut. Reisemotive gibt es so viele wie Sand am Meer, und diese unterscheiden sich teils stark zwischen verschiedenen Zielgruppen. Daher habe ich mich auch mit der Frage beschäftigt: Welche Gründe für ihre Reisen geben Babyboomer an?
Grundlegende Motive und Bedürfnisse
Die Babyboomer-Generation zeichnet sich im Reisesegment durch einen hohen Anspruch an authentische, persönliche und erlebnisorientierte Erfahrungen aus. Es geht nicht primär um Konsum, sondern um bedeutungsvolle, emotionale und bereichernde Erlebnisse. Reisen dienen der Selbstverwirklichung, dem Stressabbau und der Verjüngung des Selbstbilds.
Statt risikoreicher Abenteuer stehen bei vielen sogenannte Soft Adventures im Fokus. Darunter versteht man erlebnisreiche Aktivitäten mit einem geringen Risiko, wenig technischer Anforderung sowie moderatem körperlichen Einsatz – wie Wandern, Radfahren, Naturbeobachtung oder Flussfahrten.
Gesundheitsfördernde Aktivitäten wie Wellness, Meditation oder gesunde Ernährung sind hoch im Kurs. Besonders gefragt sind ganzheitliche Wellnessangebote, die Körper, Geist und Seele ansprechen und auch psychosoziale Aspekte wie Selbstwert und soziale Kontakte fördern. Das „Erlebnis“ bekommt Vorrang gegenüber dem reinen Produkt oder der Dienstleistung. Viele bevorzugen längere Reisen außerhalb der Hauptsaison und legen Wert auf Sicherheit und Komfort.
Push- und Pull-Faktoren der Babyboomer
Die Tourismusforschung spricht bei Reisemotivation immer von sogenannten Push- & Pull-Faktoren. Push-Faktoren bezeichnen dabei innere Beweggründe, die jemanden von zu Hause weg bewegen (zumeist psychologische oder soziale Motive), während Pull-Faktoren äußere Anreize, die ein bestimmtes Reiseziel attraktiv machen, sowie generell äußere Umstände, beschreiben (Einkommen, Sehenswürdigkeiten, Klima, …).
Also:
Push = „Ich will weg, weil…“
Pull = „Ich fahre dorthin, weil…“
In einer Studie, in der man die Reisemotivation der Babyboomer untersucht hat, ist man auf folgende Push- und Pull-Faktoren gestoßen:
Auch in Bezug auf die Motivation für Abenteuerreisen hat man die Generation der Babyboomer untersucht. Dieser Aspekt ist besonders in Anbetracht der Vorliebe für Soft Adventures, wie ich oben schon erklärt habe, spannend. Warum also reisen ältere Erwachsene so gerne mit einem Hauch von Abenteuer?
- Flucht aus dem Alltag: Wichtigster Beweggrund ist das Bedürfnis, aus der Alltagsroutine auszubrechen und neue Abenteuer zu erleben.
- Naturerlebnisse: Die Erfahrung von Landschaft, Natur und abgelegenen Orten ist sehr bedeutsam, oft gepaart mit spirituellen Momenten und dem Gefühl, „eins mit der Natur“ zu sein.
- Abenteuerlust und Herausforderung: Viele Teilnehmer sehen sich selbst als abenteuerlustig und suchen gezielt körperliche und mentale Herausforderungen, solange die Gesundheit es noch zulässt.
- Soziale Kontakte: Das Knüpfen neuer Freundschaften ist ein positiver, aber eher zweitrangiger Nebeneffekt.
- Sinnhaftigkeit und Lebenskontinuität: Abenteuerreisen werden als Möglichkeit gesehen, das Leben weiterhin aktiv und sinnerfüllt zu gestalten.
Erforscht man das Reiseverhalten von Menschen, lohnt sich oft auch ein Blick auf Faktoren, die nicht entscheidend für oder gegen eine Reise sind. Im Falle der Babyboomer spielen so etwa finanzielle Aspekte als auch körperliche Gründe eine untergeordnete Rolle. Günstige Kosten sind höchstens ein nützlicher Nebeneffekt, der noch häufiges Reisen ermöglicht.
Ruhestand als Pull-Faktor
Die populäre Vorstellung, dass viele Babyboomer ans Meer oder in den ländlichen Raum ziehen und als „Grey Nomads“ mit Wohnmobilen umherreisen, spiegelt sich in Umfragen nicht wider. Tatsächlich steht für die Mehrheit das Reisen nicht im Zentrum ihrer Ruhestandspläne. Die Erwartung von ausgedehnten Reisen oder „Nomadentum“ ist eher ein Mythos, der durch Werbung oder Medienberichte verstärkt wird, aber nicht dem Selbstbild oder den realen Plänen der meisten entspricht.
Der Großteil will in der Nähe des bestehenden sozialen Netzwerks und medizinischer Infrastruktur bleiben, anstatt umzuziehen oder längere Reisen zu unternehmen. Viele der Befragten geben an, im Alter bewusst dort bleiben zu wollen, wo ihre Familie und Freunde sind.
Was sich aber sehr wohl zeigt: Ein Großteil der Babyboomer reist seit dem Ruhestand häufiger (in einer Studie waren es sogar 73%). Insofern kann der Ruhestand selbst als Pull-Faktor für Reisen angenommen werden, da schlicht und ergreifend mehr Zeit dafür da ist.
Als Hauptmotiv für Reisen in der Rente wird am häufigsten “Freizeit und Erholung” genannt. Es ist also keineswegs so, dass das “ruhige” Leben zuhause ohne Arbeit für die Menschen keinen Urlaub notwendig macht – ganz im Gegenteil. Auch Pensionistinnen und Pensionisten wollen also ihre Freizeit aktiv gestalten und sich von Alltagsanforderungen erholen.
Spannend fand ich auch die Erkenntnis, dass ¾ der befragten Babyboomer meinten, ihr Reiseverhalten habe sich im Laufe der Zeit verändert – vor allem durch das Alter, den Ruhestand und familiäre Veränderungen.
Fazit Reisemotivation
Zusammengefasst zeigte sich in vielen Studien, dass Babyboomer
- “Erinnerbare Erfahrungen” sammeln wollen – also solche, die emotional, intellektuell und physisch stimulierend sind
- Wert auf Sicherheit und Komfort legen
- Soft-Adventures und Sight-doing bevorzugen
- planen, in Zukunft weiterhin Abenteuerreisen zu unternehmen, so lange es die Gesundheit zulässt.
Die wichtigsten Beweggründe für Reisen im fortgeschrittenen Alter sind Erholung, Entspannung, Interesse an Kultur, soziale Kontakte und das Erleben neuer Erfahrungen. Durchaus noch wichtig zu erwähnen: Es gibt Unter
schiede in der Gewichtung verschiedener Reiseaspekte je nach Herkunftsland. Während z.B. für japanische Best Ager Sicherheit und Gesundheit besonders wichtig sind, legen australische und europäische Seniorinnen und Senioren zwar ebenfalls Wert auf Sicherheit, aber auch stark auf Komfort und Erlebnisse.
Babyboomer und ihre bevorzugten Reisen
In diesem Kapitel geht es nicht um konkrete Destinationen, sondern darum, welche Aspekte ein Reiseziel für Babyboomer so attraktiv machen. Wer bisher aufmerksam gelesen hat, kann sich die Antwort eigentlich auch gut selbst erschließen – ich will es trotzdem einmal kurz zusammenfassen bzw. ergänzen.
Auch wenn der Wunsch besteht, gelegentlich zu verreisen (im In- oder Ausland), unternehmen Babyboomer meist kürzere, klar begrenzte Reisen statt längere Abenteuer oder Weltreisen. Gruppenreisen, Individualreisen sowie kultur- und bildungsorientierte Angebote sind besonders gefragt. Die beliebtesten Urlaubsformen der Generation sind Aktivurlaub, gefolgt von Städtereisen und Strandurlaub.
Babyboomer tendieren im Vergleich zu früheren Generationen zu einem aktiveren, gesundheitsorientierten Lebensstil und möchten im Alter gesund bleiben. Sie treiben das starke Wachstum des Wellness- und Spa-Tourismus daher maßgeblich voran. Durch verbesserte Bildung, finanzielle Möglichkeiten und ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein sind sie offen für innovative und qualitativ hochwertige Wellnessangebote.
Weiters ist bekannt, dass der Generation folgende Punkte bei der Wahl ihres Hotels besonders wichtig sind:
- komfortable Zimmer
- hohe Sauberkeit
- freundliches Personal
- gute Lage
- barrierefreier Zugang
- schönes Design und außerordentliche Atmosphäre
- Angebot von Aktivitäten wie Kursen, Vorträgen oder kultureller Programme
Aus diesen Ergebnissen kann man schließen, dass Babyboomer Reiseziele bevorzugen, die Kultur, Selbsterfahrung und Gesundheitsförderung bieten – und das am liebsten in Hotels, die mehr sind als eine bloße Schlafstätte. Um auch der Unterschiedlichkeit innerhalb der Generation Rechnung zu tragen: ein Teil sucht Gewohnheit und verlässliche Standards, während andere bewusst Grenzen verschieben und Abenteuer erleben wollen. Destinationen, die beide Pole bedienen, etwa durch geleitete Tagesexkursionen, erreichen die Zielgruppe gut.
Reisen mit der Familie
Angesichts der großen Tendenz zur Erholung und Selbstverwirklichung, den die Babyboomer an den Tag legen, könnte man meinen, sie seien beim Reisen durchaus egoistisch. Daten zeigen jedoch: Einer großen, internationalen Befragung zufolge machen rund ein Drittel der Personen einmal im Jahr Urlaub mit den Großeltern, von denen viele der Babyboomer-Generation angehören. Erwartungsgemäß ist dieses Phänomen in asiatischen Ländern stärker ausgeprägt, aber auch deutsche Babyboomer sind offen für intergenerationale Reisen. In einer Umfrage zeigten sich ¾ von ihnen bereit, die Reisekosten für ihre Kinder oder Enkelkinder zu übernehmen.
Psychosoziale Wirkungen des Reisens bei Babyboomern
Reisen tut gut – das sagen zumindest die, die gern reisen. Ich kenne die Effekte von Reisen ja auch von mir selbst, und dennoch: Ich habe sowas gern wissenschaftlich bestätigt oder widerlegt. Daher habe ich mir ein paar Studien angeschaut, die sich mit der Frage beschäftigen: “Wie wirkt Reisen bei älteren Menschen?” – und bin dabei plötzlich bei staatlichen Projekten gelandet. Doch der Reihe nach …
Viele Babyboomer nutzen ihr Alter und ihre relative Unabhängigkeit von beruflichen Verpflichtungen, um sich bewusst Zeit für Erholung, Selbstfürsorge und Selbstfindung zu nehmen. Reisen kann auch die Möglichkeit bieten, Gesundheitsversorgung in Anspruch zu nehmen, immerhin ermöglichen einige Reisearten gesundheitsfördernde körperliche Betätigung durch Gehen, Radfahren oder sonstige sportliche Aktivitäten. Außerdem steigert es die Freude an Freizeitaktivitäten.
Und Reisen ist auch ein sozialer Akt: Es fördert den Kontakt zu anderen und das Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Immerhin 75% der reisenden Babyboomer empfinden Reisen als sozial bereichernd. Wie immer, wenn mehrere Menschen zusammen reisen, bietet das natürlich Konfliktpotential, aber auch Raum für schöne, gemeinsam geschaffene Erinnerungen. Gerade, wenn sich die Generationen in gemeinsamen Reisen gegenseitig ergänzen, ist der potentielle Gewinn für alle Seiten groß.
Wohlbefinden vs. Depression
Man fand heraus, dass Senioren, die verreisten, im Durchschnitt jünger, besser gebildet, wohlhabender und gesünder, aktiver im Alltag (körperlich und sozial) sowie zufriedener mit ihren sozialen Beziehungen waren. Auch berichten sie über ein signifikant höheres Wohlbefinden als jene, die nicht verreisten (auch nach der statistischen Kontrolle von soziodemografischen Variablen, Gesundheit, körperlicher Aktivität und sozialen Beziehungen). Nun kann man natürlich mit der Henne-Ei-Thematik argumentieren: Was war vorher, das Reisen oder die positiven Lebensaspekte? Denn es reist sich natürlich leichter, wenn man wenig Sorgen im Leben hat und dann kann man auch viel für sich mitnehmen.
Dieser Thematik kommt man nur mit Längsschnittstudien, die Personen über einen langen Zeitraum untersuchen, bei. Eine solche wurde bei Personen über 45 in Südkorea gemacht, und die zeigt spannende Ergebnisse:
- Nicht-Reisende hatten ein um 71 % erhöhtes Risiko, im Folgejahr an Depression zu erkranken
- Depressive Personen reisten doppelt so selten wie Nicht-Depressive
Die Ergebnisse skizzieren einen Teufelskreis, denn: Wer weniger reist, hat höhere Depressionswerte. Und wer diese aufweist, reist weniger, womit sich die Depression nur noch verstärkt. Gleichzeitig fand man eben heraus, dass Reisen bei älteren Erwachsenen präventiv wirkt. Die Wirkmechanismen dürften dabei folgende sein:
- Ablenkung vom Alltag.
- Soziale Kontakte und positive Erfahrungen.
- Entlastung vom gewohnten Lebensumfeld
Urlaubsspezifische Prädiktoren für Wohlbefinden
Recht gut untersucht ist der Effekt, dass sich Reisen positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Studien, die sich angeschaut haben, warum das bei älteren Reisenden so ist, zeigen, dass die Urlaubshäufigkeit (je häufiger, desto besser), soziale und kognitive Aktivitäten während der Reise sowie die wahrgenommenen gesundheitlichen Vorteile der Reise einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden haben. Nicht entscheidend ist hingegen die Dauer des Urlaubs oder ob Aktivitäten aktiver oder entspannter Natur sind.
Drei mögliche Gründe, warum Babyboomer Reisen als so wohltuend empfinden:
- Erinnern an die Vergangenheit: Reisen wecken nostalgische Erinnerungen an Kindheit oder frühere Lebensabschnitte, was positive Gefühle und Reflexionen über das eigene Leben fördert.
- Bindung mit Familienmitgliedern: Gemeinsame Reisen schaffen Raum für intensive familiäre Begegnungen, stärken die Beziehungen und ermöglichen generationenübergreifende Interaktionen – etwa über das Wiedersehen mit Verwandten aus Herkunftsregionen.
- Selbst-Neuentdeckung: Viele Seniorinnen und Senioren erleben Freude und Erfüllung, wenn sie Neues wagen und sich selbst Herausforderungen stellen (z.B. erstmals allein verreisen oder neue Rollen übernehmen). Das steigert nicht nur das Selbstvertrauen, sondern auch das Gefühl von Lebenssinn und Kompetenz.
- Bildung informeller Unterstützungsnetzwerke: Reisen fördern Freundschaften zu Gleichaltrigen oder Locals. Diese Netzwerke bieten emotionale Unterstützung und helfen, über Alltagsprobleme zu sprechen, wodurch das psychosoziale Wohlbefinden gestärkt wird.
Freizeitreisen erzeugen bei der Generation Babyboomer also nicht nur kurzfristige Glücksgefühle, sondern können auch Identitätsentwicklung und soziale Verbundenheit fördern. Sie sind für ältere Menschen weit mehr als eine Konsum- oder Erholungsaktivität: Sie wirken als Katalysator für persönliche Entwicklung, soziale Beziehungen und psychisches Wohlbefinden. Um zentrale Aspekte des „guten Alterns“ zu verstehen und zu fördern, sollten solche Reisen als dynamische, sinnstiftende Prozesse betrachtet werden.
Weil bekannt ist, dass Babyboomer am liebsten mit ihrem Partner oder Partnerin reisen, lohnt sich auch ein Blick auf die Paardynamik auf Reisen. Spannend fand ich die Annahme, dass ältere Menschen ihren Urlaub nutzen, um auszudrücken, wer sie sind und – oft ebenso wichtig – wer sie nicht sind. Das Paar sei die zentrale Identifikationseinheit, und im Prozess der Paaridentität würden die älteren Touristen andere Paare und größere soziokulturelle Gruppen nutzen, um sich von ihnen abzugrenzen und sich mit ihnen zu verbinden.
Staatlich gefördertes Reisen für ältere Menschen
Was hierzulande wie eine Utopie klingt, ist in Spanien bereits seit zig Jahren Realität: Der Staat fördert im Rahmen des IMSERSO-Programms Reisen für ältere Menschen. Als Leistung gibt es subventionierte Kurz- oder 10-Tagesreisen innerhalb Spaniens bzw. nach Portugal mit Unterkunft, Verpflegung, Versicherung und kulturellem Programm. Teilnehmen können alle, die in Spanien wohnen und dort eine Pension oder ähnliche Leistung beziehen. Das Ziel von IMSERO ist es, die soziale Integration älterer Menschen zu fördern und Einsamkeit zu bekämpfen, für Aktivität im Alter zu sorgen sowie Arbeitsplätze in saisonabhängigen Tourismusgebieten zu erhalten, denn diese Reisen finden immer zwischen Herbst und Frühling statt.
Eine Studie hat die Effekte auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer untersucht und dabei folgende Punkte ans Licht gebracht:
- Soziale Verbundenheit: Viele Teilnehmer waren verheiratet und lebten in stabilen sozialen Netzwerken. Sie berichteten daher naturgemäß von wenig Einsamkeit. Aber: Besonders Alleinstehende fanden durch IMSERSO neue soziale Kontakte und damit emotionale Unterstützung.
- Pflegeverantwortung: Viele Frauen berichteten, dass sie jahrzehntelang Familienmitglieder gepflegt hatten (Kinder, Eltern, Schwiegereltern), erst nach dem Wegfall dieser Verpflichtungen war Urlaub erstmals möglich. Was Urlaub aber dennoch manchmal verhindert sind großelterliche “Verpflichtungen”, wenn Kinderbetreuung nicht anders gewährleistet werden kann.
- Ein Neuanfang : Nach dem Ende von Berufsleben und Pflegepflichten wurde das Reisen als „neuer Lebensabschnitt“ erlebt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerten Stolz, familiäre Aufgaben erfüllt zu haben, und sehen Reisen nun als „verdienten Genuss“.
- Flucht & Erholung: Urlaub wurde als Flucht aus dem Alltag erlebt – zur Stressreduktion, Linderung von Depressionen und körperlichen Beschwerden.
- Praktische Hilfe: IMSERSO wird für seine einfache Buchung, Organisation und Hilfe geschätzt. Diese Unterstützung fördert Reisebereitschaft und Selbstvertrauen.
IMSERSO zeigt also nachweislich positive Effekte auf das Wohlbefinden: Es ermöglicht emotionale Erholung, soziale Teilhabe, neue Perspektiven & Stressabbau. Daraus kann man durchaus schließen, dass es zur Verbesserung der Lebensqualität älterer Menschen beiträgt und dass Reisen auch als Public Health Maßnahme im Alter dient.
Generationsbedingte Reiseherausforderungen
Trotz der regen Reisetätigkeit der Babyboomer und ihrer positiven Auswirkungen gibt es in der Generation natürlich auch gewisse Probleme in Bezug auf das Reisen. In meinen Recherchen bin ich auf einige davon gestoßen und möchte sie hier nochmal kurz anreißen.
Gesundheitliche Einschränkungen
Es zeigt sich, dass Themen wie Krankheit oder Altersgebrechen die reisenden Babyboomer zwar beschäftigen, sie aber nur in seltenen Fällen davon abhalten, fortzufahren. Wenn aber auch finanzielle Hürden zu bewältigen sind, werden gesundheitliche Aspekte häufiger als Unsicherheitsgrund angegeben. Häufiger aber sind es allgemein pflegerische Verpflichtungen, die die Reisen verhindern.
Finanzielle Aspekte
Mit der Pensionierung haben viele Menschen plötzlich auch Einkommenseinbußen zu verzeichnen. Diese finanziellen Einschränkungen wirken sich negativ auf die Reisehäufigkeit aus. Gut die Hälfte der Babyboomer fühlt sich durch finanzielle Aspekte im Reisen eingeschränkt. Besonders in der Gruppe der Einkommensschwachen ist Reisen nicht im Fokus, unter anderem aus Sorge vor den Kosten.
Mobilität
Studien zeigen, dass Wege im Alter durchschnittlich kürzer werden – sowohl im Alltag als auch auf Reisen. So hat etwa ein Drittel aller Über-70-jährigen Mobilitätsprobleme, das die Zahl und die Länge der zurückgelegten Wege reduziert. Für Babyboomer sind eine schwierige Erreichbarkeit der Reiseziele und komplizierte Transportmöglichkeiten große Hindernisse für Auslandsreisen.
Technologische Unsicherheit
Auch Reisen werden immer digitaler und technologischer (z.B. durch die vielen Apps, E-Visa, Online-Bordkarten etc.). Fühlen sich Babyboomer unsicher dabei oder befürchten Risiken beim Technikeinsatz, sehen sie weniger Nutzen in den Technologien und lehnen deren Nutzung eher ab. Umgekehrt fördert eine geringe Risikowahrnehmung sowohl die Einschätzung der Nützlichkeit als auch die Bereitschaft, Technologie in der Reiseplanung einzusetzen.
Nichtbeachtung als Zielgruppe
Die Generation der Babyboomer fühlt sich oft nicht differenziert genug angesprochen von Tourismuswerbung. Eine Segmentierung, die nicht nur das Alter berücksichtigt, sondern auch Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommen und Gesundheitsstatus, wäre wünschenswert. Ältere Reisende lehnen stereotype oder vereinfachte Ansprache ab, stattdessen gelten individuelle Bedürfnisse und Narrative als wichtiger.
Fazit: Das Reiseverhalten der Babyboomer
Zum Abschluss will ich gar nicht mehr zu viele Worte verlieren. Der Artikel wurde auch so schon sehr umfangreich. Ich war bei der Recherche selbst erstaunt, wie zahlreich die Generation Babyboomer in Bezug auf ihr Reiseverhalten schon untersucht wurde.
Zurecht natürlich, denn wie sich zeigt, haben es Touristikerinnen und Touristiker hierbei mit einer reisefreudigen, interessierten und auch kritischen Zielgruppe zu tun. Um diese zu begeistern, braucht es schon einen Hauch von Abenteuer gepaart mit einer Prise Komfort und etwas Raum für Selbstverwirklichung. Viele Babyboomer wollen aktiv und gesundheitsbewusst reisen und dabei Neues entdecken oder alte Beziehungen festigen. Mit Kaffeefahrten lockt man sie also keineswegs mehr hinter dem Ofen hervor!
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https://de.statista.com/infografik/29430/reiseverhalten-von-baby-boomern/