Reisen als Therapie – geht das?

Reisen als Therapie – geht das?

Reisen verändert – an dieser Tatsache rüttelt eigentlich kaum mehr jemand. Menschen, die gerne unterwegs sind, wissen, dass das Reisen sie mit der Zeit verändert, beeinflusst, prägt. Aber wirkt Reisen mehr als nur persönlichkeitsbildend? Ist es vielleicht sogar therapeutisch? Angelehnt an die bekannten therapeutischen Wirkfaktoren will ich in diesem Artikel die Frage beantworten, ob man Reisen als Therapie bezeichnen kann und unter welchen Voraussetzungen das gelingen kann.

Kann Reisen therapeutisch wirken?

Was ist Therapie?

Nun, es kommt jetzt natürlich ganz auf die Definition an. Wenn man davon ausgeht, dass jegliche Veränderung in gewisser Art und Weise therapeutisch ist, dann lässt sich die Frage leicht mit JA beantworten und ich bräuchte diesen Artikel gar nicht schreiben.

Wenn man aber versucht, Therapie im engeren Sinne zu definieren, wird es schon etwas kniffliger. Doch was heißt „Therapie“ eigentlich? Der Duden versteht es als „Heilbehandlung“ – was ja voraussetzt, das irgendwas geheilt werden muss. Auf Wikipedia steht es dann genauer so:

Therapie oder Behandlung bezeichnet alle Maßnahmen, die darauf abzielen, Behinderungen, Krankheiten und Verletzungen positiv zu beeinflussen.

Auch alle Wörterbücher und Definitionen auf anderen Seiten schlagen in genau diese Kerbe. Also gehen wir davon aus: Damit etwas therapeutisch sein kann, muss man damit eine Krankheit oder Verletzung heilen können.

Ich möchte jetzt natürlich weniger auf Therapien zur Linderung körperlicher Leiden eingehen. Ich denke, wir sind uns einig, dass ein Aufenthalt in einem Luftkurort bei Lungenkrankheiten helfen kann. Oder Salzwasser gegen spezielle Hautkrankheiten wirkt.

Auch wenn ich eine große Verfechterin davon bin, das Körperliche und das Psychische nicht zu sehr zu trennen, so will ich jetzt doch den Fokus auf psychische Leiden und deren Auswirkungen legen. Das heißt, es geht um die Frage, ob Reisen auch gegen Symptome helfen kann, die psychischer und psychiatrischer Natur sind. Wir sprechen hier also von definierten psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen, aber auch von eng umrissenen Symptomen wie Trauer oder Schlafstörungen.

Wegweiser am Meer
Therapie ist oft ein Wegweiser

Reisen als Therapie?

Kann nun also Reisen bei psychische Belastungen und Krankheiten helfen? Um das herauszufinden, ist es hilfreich, sich mit drei Fragen zu beschäftigen: 1) welche Faktoren sind es denn, die wirken, 2) was ist das Therapieziel und 3) bei welchen Störungen und Symptomen könnte Reisen als Therapie wirken. Ich versuche, mich nun kurz zu fassen, sonst wird das eine umfassende Abhandlung 😉 .

Also, zu Frage Nr. 1: Welche Faktoren denn ausschlaggebend für einen Therapieerfolg? Wenn man sich anschaut, welche es in einer regulären Psychotherapie sind, dann zeigt sich folgendes: Beziehungsarbeit, Ressourcenaktivierung, Strategien zur Bewältigung der Probleme zu erlernen oder auch überhaupt einmal die Bereitschaft, die eigenen Probleme anzupacken. Inwiefern ist also jemand bereit, sich der Therapie zu stellen? Eine gute Beziehung zu einer Therapeutin / einem Therapeuten ist zwar eine wichtige Basis, aber die Veränderung setzt dann mit der Bereitschaft zur Problembearbeitung seitens der Klient:innen ein. Welche Parallelen es zwischen einer Psychotherapie und Reisen gibt, wird unten dann noch deutlich, aber soviel sei vorweggenommen: wenn sich jemand darauf einlässt, sich mit seinen psychischen Problemen zu beschäftigen und einem Umgang damit zu erlernen, kann er das auch auf Reisen tun.

Die Frage des Therapieziels ist eine höchst individuelle. Je nach Belastung und Ausprägung kann das unterschiedlich lauten: endlich wieder schlafen können, ein bisschen selbstbewusster werden oder nicht sofort verzweifeln. Ziele zu niedrig anzusetzen bringt einen oft nicht voran, sind sie zu hoch, ist Frust meist vorprogrammiert. Für mich ist eine genaue Zielformulierung mit meinen Klient:innen wichtig, weil es eine Richtung vorgibt. Um der Antwort, ob Reisen als Therapie gelten kann, näher zu kommen, muss man sich also auch fragen: weiß man denn, was man dadurch erreichen will?

Die Antwort der dritten Frage hebe ich mir für ein wenig später in diesem Artikel auf (siehe Punkt „Ist Reisen als Therapie für jeden etwas“). Dafür nehme ich die Antwort, ob Reisen therapeutisch sein kann, vorweg: Ja, das kann es. Allerdings nicht unter allen Voraussetzungen. Und auch nicht unbedingt nur als alleiniges Instrument. Aber Reisen bietet die Möglichkeit, sich seinen Grenzen, Ängsten und Problemen zu stellen, auf Ursachen draufzukommen und neue Perspektiven zu entwickeln.

Ein Weg durch den Wald
Wo geht die persönliche Reise hin?
Literatur zur Psychotherapie im Allgemeinen

Wer mehr über psychotherapeutische Wirkfaktoren wissen will, findet hier Antworten:

Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

Die Erforschung der Psychotherapie: Aktueller Stand

Warum kann Reisen Therapie sein?

Ich habe eine Vielzahl von Artikel und Berichten durchforstet, in denen Leute schreiben, warum ihnen das Reisen bei ihren Problemen geholfen hat. Dabei habe ich mich nur auf jene Berichte konzentriert, in denen therapiewürdige Begriffe gefallen sind, etwa Mobbing, Depression, Angst oder Panikattacke. Dabei habe ich einige Faktoren gefunden, die der therapeutischen Wirkung auf Reisen zuträglich waren. Hier sind sie:

Selbstwirksamkeit stärken

Wer viel reist, weiß das bereits: es gibt immer wieder herausfordernde Situationen auf Reisen, die bewältigt werden wollen. Von Verirrungen und Alltagsproblemen hin zu persönlichen Herausforderungen ist alles dabei. Strategien, die wir uns in unserem Alltag zuhause oft zurechtgelegt, haben, funktionieren andernorts dann nicht mehr. Wie schafft man diese Hürden also?

Ich selbst war auf meiner langen Reise durch Italien mehrmals mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert. Nach einigen Wochen erst wurde mir klar, dass ich dieselben selbstzerstörerischen Strategien anwandte wie zuhause und daher immer wieder in dasselbe Loch fiel. Als ich das erkannte, änderte ich die Art, mit den Gegebenheiten umzugehen und hatte Erfolg – es ging mir nicht nur vor Ort besser, ich lernte fürs weitere Leben etwas dazu. Es war die Mischung aus Erkenntnis, entspannter Umgebung und Raum fürs Ausprobieren, der den therapeutischen Erfolg brachte.

Ich will hier keine detaillierten Situationen schildern, in denen wir unsere Stärken einsetzen müssen – zu vielseitig sind die Möglichkeiten. Aber egal, ob es nur das Finden eines versteckten Ortes ist oder Lernen, monatelang allein zu sein – die Herausforderungen, die wir auf Reisen bewältigen, erhöhen unsere Selbstwirksamkeit und geben uns die Zuversicht, viel mehr schaffen zu können, als wir zunächst geglaubt haben.

Selbstwirksamkeit stärken im Urlaub
Das Gefühl, etwas Schwieriges geschafft zu haben, stärkt das Selbstvertrauen

Grenzen ausloten und ausweiten

Kennst du das, wenn du sagst, dass du irgendetwas sicher nicht kannst? Sicher nie tun wirst? Und dir das sicher niemals gefallen könnte? Dann hältst du vermutlich sehr stark an deinen eigenen Prinzipien und gewohnten Denkweisen fest. Das ist in vielerlei Hinsicht gut, weil es Orientierung und Halt gibt – und damit Sicherheit. Manchmal hindert einen aber genau das daran, sich weiterzuentwickeln und Probleme auf andere Art zu lösen, als wir es bereits hunderte Male versucht haben.

Grenzen sind total wichtig. Vor allem ist es wichtig, dass andere unsere Grenzen respektieren. Daher ist es – besonders, wenn wir erfahren haben, dass unsere Grenzen nicht gewahrt werden – total hilfreich, zu erkennen, wo diese überhaupt liegen. In meiner Arbeit mit Gewaltopfern ist das einer der ersten Schritte, die ich anleite: herauszufinden, was man selbst zulassen will und was nicht, Grenzen erkennen und auch setzen zu können. In einem zweiten Schritt (und der kann auch erst viel später sein) ist es aber auch hilfreich, sich zu erlauben, diese Grenzen auszuweiten. Denn wenn sie sehr starr sind, sind sie für unser weiteres Fortkommen auch hinderlich und nicht nur schützend.

Eben weil es auf Reisen Situationen immer wieder erforderlich machen, seine Prinzipien über Bord zu werfen, kann man dadurch lernen, seine Grenzen auszuweiten. Aber man erfährt auch, wo die eigenen Grenzen liegen. Das ist ein wichtiger Faktor in einem therapeutischen Prozess: zu erkennen, welche wichtig sind und welche einen aufhalten.

Grenzen setzen
Grenzen sind wichtig – aber nicht zwingend starr

Bewegung und Aktivität

Bewegung und psychische Gesundheit ist ein untrennbares Band. Nicht umsonst gibt es auf Psychiatrien Bewegungstherapeuten, nicht umsonst in sozialpsychiatrischen Einrichtungen kostenlose Sportangebote. Bewegung hilft unserem Gehirn, den Stoffwechsel so zu regulieren, wie er bei gesunden Menschen vorzufinden ist und Bewegung fördert auch die Verarbeitung von Erlebnissen. All das ist wissenschaftlich schon lange belegt.

Wenn wir nun auf Reisen sind, bewegen wir uns in der Regel viel mehr als im Alltag. Wir schlendern durch die Straßen, besteigen einen Berg oder nehmen die tägliche Yogaeinheit in Anspruch. Besonders natürliche Bewegungen wie Gehen bewirken Modulationen im Gehirn, unserer Zentrale, die nicht nur für psychische Erkrankungen verantwortlich ist, sondern auch des Rätsels Lösung. Verbesserungen im eigenen Zustand auf Reisen können also schon alleine daher rühren, dass man sich einfach mehr bewegt.

Bewegung auf Reisen ist förderlich
Auch bei einer Stadterkundung macht man ordentlich Kilometer!

Glücksmomente

Während der Alltag zuhause einen vor die immer gleichen Schwierigkeiten stellt, berechenbar und doch anstrengend zugleich ist und wenig Raum für neue Erfahrungen bietet, so erlebt man auf Reisen oft das Gegenteil. Wenn sich die Schönheiten der Welt vor einem auftun – und seien sie auch noch so klein – und man zwangsweise einen ganz neuen Blick für alles rundherum kriegt, stellt sich oft auch eines ein: ein Glücksgefühl.

Besonders Menschen mit gedämpfter Stimmung wissen solche Momente unglaublich zu schätzen. Endlich mal wieder ein paar Minuten glücklich sein, wie lange ist das her?! Es scheint, als würde in einem selbst etwas angestoßen – und wenn es nur die Gewissheit ist, dass man noch Freude empfinden kann. Je länger eine Reise dauert und je eher man etwas macht, das einem ohnehin liegt, desto häufiger wird man solche Glücksmomente erleben, von denen sich unsere Gesundheit nährt.

Glück auf Reisen
Auf Reisen achtet man mehr auf die kleinen Glückseligkeiten

Wohlfühlumgebung und sicherer Ort

„Es ist wie Heimkommen!“ – das beschreiben viele Reisende, wenn sie an einem ihrer Lieblingsorte ankommen. Und das, obwohl sie dort nicht zuhause sind. Wir könnten jetzt lange über die Definition von „Heimat“ diskutieren, mache ich nicht. Fest steht aber, dass es so etwas wie einen Wohlfühlort, eine Herzensheimat auch abseits der eigenen Wurzeln gibt. Warum mir als Burgenländerin etwa im Hochgebirge das Herz so aufgeht, kann ich mir nicht erklären – aber es ist so. Ich bin in den Bergen daheim, wenn auch nur einige Wochen im Monat. Italien hat eine ähnliche Wirkung, auch wenn ich keine italienischen Vorfahren habe und auch als Kind nie dort war.

Jedenfalls bin ich damit nicht allein, es geht vielen so. Diesen Umstand kann man sich in einer psychischen Tiefphase des Lebens zunutze machen und genau dorthin fahren, wo man sich wohlfühlt. In der Therapie gibt es Übungen zum Finden eines „Sicheren Ortes“ – warum diesen also nicht bewusst in der Wirklichkeit aufsuchen? Ein sicherer Ort gibt uns Ruhe und Kraft und stärkt unsere vorhandenen Ressourcen, die wir benötigen, um mit unseren Problemen fertig zu werden.

Zuhause fühlen auf Reisen
Ich am Gardasee – das ist wie „zuhause sein“

Genuss und Entspannung

Psychische Probleme sind Stress! Der Körper arbeitet meist auf Hochtouren, was die Ausschüttung von Stresshormonen anbelangt. Daher gehört es zu vielen Therapien dazu, Entspannungsmethoden zu lernen. Ähnlich wie bei der progressiven Muskelrelaxation ist Reisen auch eine Folge von Anspannung und Entspannung – das kann man für sich selbst nutzen: sich tagsüber ein paar Stunden auf etwas Neues einlassen, Abenteuer erleben und anderen Menschen stellen und später dann in einer gemütlichen Umgebung zur Ruhe kommen, etwa in der Natur oder im Wellnessbereich.

Die Genussfähigkeit ist übrigens ebenfalls ein Marker der Entspannung. „Wer die kleinen Freuden des Lebens genießen kann, ist ein wahrer Glückspilz“, sagte Ernst Ferstl, und ich glaube, dass er Recht hat. Sich Genuss hinzugeben, fährt das Stresssystem runter und führt dazu, das Hier und Jetzt zu fokussieren, was bei vielen Problemen nur mehr schwer geht. Oftmals ist entweder die Vergangenheit (schlimme Erlebnisse) oder die Zukunft (Sorgen) in der Aufmerksamkeit. Sowohl kulinarische Genüsse als auch jene unsere Umwelt betreffen (z.B. den Ausblick genießen) holen in die Gegenwart zurück, entstressen und verursachen positive Gefühle – genau das, was man in einer schweren Lebensphase braucht.

Reisen als Therapie - Entspannung
So kann man die Seele baumeln lassen

Ablenkung

Die Sache mit der Ablenkung ist eine knifflige. Nicht immer ist sie angezeigt – manchmal aber auch genau das Richtige. Es hängt dabei stark vom Grundproblem ab. Wer ohnehin viel tut und seine Probleme eher noch zuschüttet als bearbeitet, braucht keine Ablenkung, sondern endlich mal Problemfokussierung. Für jene aber, die ständig grübeln, in einem Problem feststecken oder trauern ist Ablenkung oft genau das, was hilft. Dabei geht es nicht darum, etwas zu verleugnen oder zu verdrängen, sondern auch endlich mal wieder etwas anderes als das eigene Leiden zuzulassen.

Kinder etwa sind wahre Ablenkungskünstler. Wenn ihnen irgendetwas zu viel wird oder sie von einem Gefühl überwältigt werden, gehen sie spielen. Gerade bei Todesfällen in der Familie wirkt das dann oft so, als würde das Kind nicht trauern. Das stimmt aber nicht. Es schützt sich nur vor den massiven Gefühlen, die es vielleicht nicht aushalten könnte. Zwischendurch darf dann wieder geweint und getrauert werden, ehe auch wieder Freude erlaubt ist.

Eine Reise bietet eine schier unendliche Fülle an Ablenkungen. Alles Neue, das wir entdecken, zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir kommen aus dem Trichter der immer gleichen Gedanken raus und machen Platz auch für Anderes. Das darf sein – und im besten Falle merkt man etwas später, das das eigene Problem nun ein bisschen anders aussieht, weil man es nun mit mehr Abstand betrachten kann.

Street Art Gemälde auf einer Wand
Auf der Suche nach Street Art – eine willkommene Abwechslung!

Soziale Kontakte

Ich werde nicht müde, den Satz zu sagen: wir Menschen sind hochsoziale Wesen. Das schlägt sich in vielen Bereichen unseres Lebens nieder, bekommt aber vor allem in der Therapie eine ganz besondere Bedeutung. So weiß man etwa, dass das Bestehen eines sozialen Netzwerks schützend wirkt. Oder auch die Beziehung zu einem Therapeuten / einer Therapeutin jener Faktor ist, der einen Großteil des therapeutischen Erfolgs erklärt.

Soziale Kontakte auf Reisen können vielerlei Gestalt haben: entweder ist man mit einem nahestehenden Menschen unterwegs, der einem Kraft gibt, oder man lernt jemanden kennen, mit dem man sich austauschen und eine schöne Zeit erleben kann. Mit jemandem ungestört und in entspannter Umgebung über seine Sorgen und Gedanken zu reden, ist bezüglich der meisten Probleme schon der Weg zum Ziel.

Soziale Kontakte beim therapeutischen Reisen
Zu zweit ist vieles leichter – auch auf Reisen

Zusammenfassung: warum kann Reisen therapeutisch wirken?

Ich habe nun einige Punkte aufgezählt, die Reisende mit psychischen Schwierigkeiten als heilsam erlebt haben. Man kann dabei einen gut sichtbaren Bogen zur klassischen Psychotherapie ziehen:

  • Menschen zum Reden
  • ein sicheres Umfeld, in dem man sich wohlfühlt
  • Entspannung
  • eigenen Ressourcen entdecken, stärken und anwenden
  • Neues ausprobieren und den Handlungsspielraum erweitern
  • die Möglichkeit zur Perspektivenänderung
  • körperliche Aktivität
  • positive Momente wieder erleben und zulassen
  • neue Gefühle integrieren

Viele dieser Punkte erarbeitet man in einer Therapie – oder eben in Eigenregie auf Reisen. Dabei muss sich das aber keineswegs ausschließen, denn doppelt hält in dem Fall natürlich besser. Mit einem Therapeuten / einer Therapeutin als Backup im Rücken reist es sich vermutlich leichter, und neue Erfahrungen in der Therapie nachzubesprechen ist hilfreich für die Weiterentwicklung.

Schritt für Schritt über Steine
Schritt für Schritt zur Stabilität – auch Reisen kann seinen Teil dazu beitragen

Ist Reisen als Therapie für jeden etwas?

Klare Antwort von mir: Jein 😉 ! Ich würde per se keine psychische Erkrankung ausschließen, mit der man nicht reisen sollte. Es kommt immer auf die vorherrschenden Symptome, das aktuelle Stadium und generell das Bedürfnis des Menschen an. Es gibt zum Beispiel depressive Menschen, die eine sehr angetriebene Form der Depression haben (agitiert), denen tut das Auspowern am Berg vermutlich besser als jenen, die massive Schwierigkeiten haben, in der Früh aufzustehen. Da ich selbst mit schwer schizophrenen Menschen arbeite, weiß ich, dass diese eher ein großes Ruhebedürfnis haben und wenig am Reisen interessiert sind, in stressender Umgebung oft sogar psychotische Symptome entwickeln. Dennoch gibt es vereinzelt Klient:innen, die gerne am Meer sitzen und den Wellen lauschen, das tut ihnen gut und ist ihre Gesundung zuträglich. Insofern spricht – wenn sie dabei ausreichend begleitet werden – nichts dagegen.

Auch wenn man im Netz immer wieder liest, dass von Reisen in einer Akutphase abgeraten wird: auch das kann man nicht pauschalisieren. Bei vielen mag das zutreffen, bei anderen aber gar nicht. Ich kenne Menschen, deren Symptomatik auf Reisen plötzlich besser geworden ist.

Aufs Meer schauen und den Wellen lauschen
Auch ruhebedürftige Menschen finden auf Reisen ihren Platz – individuelle Lösungen sind entscheidend

Was beim Reisen mit psychischen Erkrankungen hilft

Wichtig ist sicher eines: Menschen als Rückhalt. Sei es als Reisebegleitung oder als eine helfende Person zuhause, die man jederzeit kontaktieren kann. Ebenso können eine gute Vorbereitung wie auch Nachbesprechung ganz viel dazu beitragen, dass die Reise gelingt und nicht in einer Verschlechterung des eigenen Zustandes endet.

Außerdem sollte man sich im Vorfeld fragen: was halte ich aus? Ist eine laute, hektische Stadt genau die Ablenkung, die ich brauche, oder stresst die mich zu sehr? Kann ich mit der Einsamkeit in einem Bergdorf gut umgehen oder würde das meine Ängste verstärken? Wie sehr brauche ich die Sicherheit, jederzeit schnell zuhause sein zu können? All das sind wichtige Fragen, die man für sich (oder auch mit einer vertrauten Person) klären muss.

Genauso, wie auch die Erwartungen und das Ziel einer Reise als Therapiemaßnahme. Man wird von einer Woche am Meer nicht völlig gesund zurückkommen, das ist klar. Viele Schwierigkeiten werden einen nach ein paar Wochen unterwegs zuhause auch wieder einholen. Wer sich aber darüber im Klaren ist, dass es eine Zeit zum Verschnaufen sein kann, eine Möglichkeit, einen neuen Blick zu kriegen oder ein Schritt in die Richtung, dass man lernt, mit seinen Problemen zu leben, kann von dieser Art der Selbsttherapie profitieren.

Fußabdrücke am Waldboden
Man kann auch ausgetretenen Pfaden folgen und dennoch viel für sich selbst mitnehmen
Individuelle Lösungen erarbeiten

Wie immer, wenn es um uns Menschen geht, ist klar: ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Ich habe in einer Phase nach einem Burnout eine zweimonatige Reise alleine quer durch Italien unternommen, mit Bus und Zug. Klingt stressig? War es auch! Alle paar Tage ein neuer Ort, ständig neue Menschen, viele neue Eindrücke.

Im ersten Moment würde man vielleicht sagen: genau das Gegenteil braucht ein eh schon erschöpfter Mensch. Doch für mich war es genau das Lernfeld, das ich gebraucht habe! Ich habe eigene destruktive Muster erkannt, geändert und eine an sich stressende Situation entspannt gemeistert. Was also hilfreich oder nicht hilfreich ist, weiß man selbst am besten – oft auch erst im Nachhinein.

Fazit: Reisen wirkt!

Nicht nur meine eigenen Erfahrungen – sowohl von mir selbst als auch durch meine Klient:innen – zeigen, dass Reisen als Therapie wirken kann. Auch viele Berichte von Reisenden stützen diese Annahme. Dabei ist klar: im Prinzip kann alles therapeutisch sein, was die Möglichkeit zur Reflexion und Neuordnung gibt, ob das nun Malen, Gärtnern oder Reisen ist.

Mir ist einfach wichtig, zu zeigen, dass man nicht aufs Reisen verzichten soll, wenn man das Gefühl hat, es würde einem helfen. Es gibt einige Faktoren, die therapeutisch wirken und jenen, die in der Psychotherapie wissenschaftlich untersucht sind, sehr ähnlich sind. Reisen muss nicht, aber kann also ebenso heilsam sein wie einige Stunden klassische Therapiebehandlung.

Therapie auf Reisen in den Bergen
Es muss nicht immer die Couch sein – auch Urlaube in der Natur wirken therapeutisch

Jetzt bin ich gespannt: hast du schon Erfahrungen diesbezüglich gemacht? Hat dir eine Reise schon einmal dabei geholfen, deinen psychischen Zustand zu verbessern? Bist du schon einmal mit einer Diagnose aus dem F-Katalog des ICD unterwegs gewesen und wenn ja, wie ist es dir dabei ergangen? Ich freue mich darüber, wenn du deine Erlebnisse mit mir teilst.

 


Reisen als Therapie - Pin


Verbreitung erlaubt :-)


6 thoughts on “Reisen als Therapie – geht das?”

  • Es ist ein megakomplexes Thema, dem Du dich annimmst. Abe wer, wenn nicht Du, könnte das aufschreiben? Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob mich schon einmal eine Reise therapiert hat. Auf den ersten Blick wollte ich mit nein antworten, aber das stimmt nicht. Bei mir geht es eher um das Thema Grenzen ausloten, Neues wagen. Und an diesen „Angst“-Themen konnte ich mich sowohl bei einer Sprachreise in Irland als auch bei einer Radreise abarbeiten…

    • Danke liebe Gudrun!
      Interessant, was ein bisschen Graben zu Tage fördert. Freut mich zu hören, dass du für dich die Frage auch mit Ja beantworten konntest. Lg

  • Interessanter Ansatz. Bin mir aber auch nach diversen Erfahrungen recht sicher, dass Reisen gar nicht hilft, wenn man ein wirkliches Problem hat. Man lässt dieses Sorgenpaket zuhause zurück, geht reisen, und wenn man wieder ankommt, liegt das sorgenvolle Päckchen meist immer noch da. Aber, und da ist es, das rettende Aber, vielleicht hat sich der eigene Blick auf das schlimme Päckchen geändert.

    • Hallo Dirk! Ich glaube, das ist auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Eine Garantie gibt’s nie. Ich möchte viele Erfahrungsberichte in diese Hinsicht aber nicht schmälern, denn offenbar hat es vielen mit ernstzunehmenden Problemen geholfen.

      Was du schreibst, das mit dem veränderten Blick, ist ja genau das, was in einer Therapie geschieht. Niemand kann Dinge ungeschehen machen oder Last von einem nehmen, aber die Art, damit umzugehen, ändert sich.

      Aber ich stimme dir insofern zu, als dass nicht viel passieren wird, wenn jemand Reisen als Flucht begreift. Besonders bei traumatischen Erlebnissen kann man davon ausgehen, dass alle Symptome nach der „Vermeidungsstrategie“ wieder da sind. Wer Reisen als Chance, an sich zu arbeiten begreift, der kehrt vermutlich mit verändertem Blick zurück. Lg

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